Spielebeurteilung

Full Throttle Remastered

20.04.2017
Verharmlosung von Gewalt in einem Point&Click-Adventure ? Das in Deutschland Vollgas genannte Adventure wurde bereits vom spielbar-Vor-Vorgänger Computerspiele auf dem Prüfstand kritisch gewürdigt. Wir veröffentlichen den Text erneut – er zeigt das Alter der Gewaltdiskussion und die Verschiebung der Bewertungsmaßstäbe über die letzten zwei Jahrzehnte.
Die Titelseite der Ausgabe 61/97 aus der Reihe Computerspiele auf dem Prüfstand.
Die Titelseite der Ausgabe 61/97 aus der Reihe Computerspiele auf dem Prüfstand.

Das Spiel Full Throttle (für den deutschsprachigen Markt: Vollgas) wurde erstmalig 1995 für IBM-PC und Apple-Computer herausgegeben und nun erneut für PC, Playstation 4 und PS Vita für 14,99 Euro veröffentlicht. Die aktualisierte Fassung Full Throttle Remastered bietet hochaufgelöste Grafik, ist jedoch ansonsten inhaltsgleich. Außerdem kann es in den klassischen Modus umgeschaltet werden, der dem Original entspricht.

Aus unserem Archiv


spielbar.de nimmt die Wiederveröffentlichung zum Anlass, eine Spielebeurteilung aus dem Jahre 1997 für dokumentarische Zwecke ebenso behutsam zu „remastern“. Hierfür greifen wir auf eines unserer Vorläuferprojekte zurück: die Printreihe Computerspiele auf dem Prüfstand.

Vorher und...
...nachher: Aus dem Pixellook der Neunziger ist ein glatter Comiclook entstanden.

Das aufregende und gefährliche Leben einer Motorrad-Gang

Das Spiel bietet einen zeichentrickfilmartigen Einblick in das aufregende und manchmal gefährliche Leben einer Motorradgang. Die „Polecats“ sind so eine Gang. Sie alle fahren Maschinen mit lautem Sound, die in Amerika von der Firma „Corley Motors“ hergestellt werden. Malcolm Corley ist der Besitzer und Gründer der Firma. Sein Vizepräsident Ripburger will die gesamte Produktion auf Wohnmobile umstellen. Damit ihm das gelingt, muss er den alten Corley „um die Ecke bringen“.

Verfolgungsjagden und Rätsel

Genau in diesem Moment ist Ben, der Anführer der Polecats, in der Nähe. Corley stirbt, und Ripburger schiebt den Mord Ben und seiner Gang in die Schuhe. Die Gang wird verhaftet, und nur noch ihr Anführer ist auf freiem Fuß. Auf der Flucht vor dem Gesetz beschließt Ben, Corley zu rächen. Von nun an erlebt der Spieler in der Rolle des Ben wilde Verfolgungsjagden und andere gefährliche Situationen. Es gilt, Rätsel zu lösen, Gegenstände mitzunehmen und sich mit anderen Personen zu unterhalten. Um das demolierte Motorrad wieder in Ordnung bringen zu lassen, muss Ben ein neue Gabel und Benzin besorgen sowie ein gestohlenes Schweißgerät wiederfinden. Die Suche ist knifflig, und häufig wird er bei seiner Aktion gestört: Sei es durch einen zähnefletschenden Hund, den er erst überlisten muss, oder durch Polizei, die auf ihn schießt.

Während des ganzen Spiels stellen sich Ben immer wieder neue Aufgaben, kleine Rätsel und Schwierigkeiten in den Weg, die er dann schon mal mit der einen oder anderen Handgreiflichkeit oder auch mit Ungesetzlichkeiten wie Diebstahl erledigen muss.

Action- und Adventureteile und Comicfilm-Sequenzen

Das Spiel besteht aus Action und Adventure-Teilen sowie aus zahlreichen Comicfilm­Sequenzen, bei denen der Spieler keine Einwirkungsmöglichkeiten besitzt. Bei Vollgas handelt es sich um ein „interaktives Roadmovie“, bei dem diese drei Elemente gut miteinander zu einer bündigen Geschichte verwoben sind. Von seiner äußeren Erscheinungsform ist es ein Zeichentrickfilm mit einem linearen Handlungsstrang, der dem Spieler begrenzte Einwirkungs- und Handlungsmöglichkeiten bietet.

Die Comicfilmsequenzen treiben die Handlung zwischen den Rätselpassagen fort.


Vollgas wendet sich speziell an Jugendliche, die in der Rolle des Ben spezielle Wünsche und Träume „realisieren“ können. Aber auch Ältere, die eine besondere Beziehung zum Motorradfahren haben, könnten sich von der „Biker-Atmosphäre“ fesseln lassen.

Äußere Merkmale des Spiels


Gelungene Zeichentrick-Animationen

Die Grafik vermittelt dem Spieler durch ihre 3D-Darstellung, die intensiven Farbkontraste, die gelungene zeichentrickähnliche Animation und das flüssige Scrolling den Eindruck, durch eine virtuelle Welt zu fahren. Die dazu passende Musik vermittelt ein Gefühl von Freiheit, das typischer­ weise immer wieder mit Motorradfahren in Verbindung gebracht wird.

Die Einwirkungen des Spielers erfolgen über die Maus und in den Actionszenen teilweise auch über die Tastatur. Die Handhabung ist einfach und stellt keine besonderen Anforderungen an den Spieler. Das Spiel verfügt über verschiedene Zeitmodi. In den Adventure-Phasen des Spiels gerät der Spieler nicht unter Handlungsdruck. Er muss vielmehr überlegen, was zu tun ist. Die Action-Sequenzen sind in Echtzeit, d.h. der Spieler muss unmittelbar und direkt über seine Spielfigur handeln.

Vollgas ist ein Einzelspieler-Spiel. Gleichwohl können Zuschauer durch Tipps und Ratschläge Unterstützung geben. Dies ist möglich, weil der Spieler die Action-Sequenzen beliebig wiederholen kann und bei den Adventure-Teilen nicht unter Handlungsdruck steht.

Beurteilung der Spielqualität


Spannend und abwechslungsreich

Interessant und sinnvoll ist die Konzeption des Spiels, auf einen „Bildschirmtod“ der Spielfigur zu verzichten. Gleichwohl ist das Spiel spannend, weil abwechslungsreich. Der ständige Wechsel zwischen Filmsequenzen und eigenen Spielaktionen, untermalt von fetziger Musik und kernigen Sprüchen, ziehen den Spieler in den Bann von Bens Motorradwelt. Die Faszinationskraft erlischt erst, wenn die letzte Aufgabe erledigt ist.

Fetzige Musik, coole Sprüche

Der Schwierigkeitsgrad von Vollgas ist von Jugendlichen gut zu bewältigen. Die linear angelegte Spielgeschichte kann mit etwas Ausprobieren und Kombinationskraft zügig fortgeführt werden. Dies gilt sowohl für die Rätsel als auch für die Action-Sequenzen. Bei Vollgas gibt es keine unterschiedlichen Levels; der Schwierigkeitsgrad bleibt immer gleich.

Eine bestimmte Form von derbem Humor prägt die Atmosphäre dieses Spiels. Sie ist charakterisiert durch coole Sprüche und rabiate Spielszenen und Handlungsmuster. Dies gilt insbesondere für die Spielfigur Ben, die auch noch in brenzligen Situationen immer einen coolen Spruch parat hat. Wie in Zeichentrickfilmen zumeist üblich, sind die verschiedenen Figuren und Handlungssequenzen im Spiel überzeichnet dargestellt. All dies bildet eine in sich stimmige Atmosphäre.
Coole Sprüche und rabiate Szenen prägen die Atmosphäre.

Genau aufpassen, viele Details merken, Rätsel lösen

Vollgas ist ein linear angelegtes Adventure mit Action-Szenen, in dem der Spieler zur nächsten Szene nur dann gelangt, wenn er die spielerischen Herausforderungen bewältigt hat. Die Spielanforderungen bestehen darin, genau aufzupassen, was in welchen Situationen passiert. Der Spieler muss sich viele Details merken, da sie im weiteren Spielverlauf von Bedeutung sein können. Darüber hinaus muss man alle Möglichkeiten immer wieder ausprobieren. Nur so gelingt es, die einzelnen Rätsel zu lösen. Diese sind zwar logisch aufgebaut, verlangen jedoch meistens die Ausführung ganz bestimmter Handlungsschritte in einer festgelegten Reihenfolge. Will man z.B. den Schrottplatz betreten, der durch ein Rolltor verschlossen ist, muss man erst das Rolltor mit einem vorher gefundenen Schloss verschließen, um dann an der Kette, mit der man normalerweise das Rolltor öffnet, emporklimmen zu können.

Waffen gezielt einsetzen: bloße Faust, Springerstiefel, Kettensäge, Morgenstern

In den Action-Szenen wird ein reaktionsschneller Umgang mit der Maus gefordert. Man muss Waffen auswählen und sie gezielt einsetzen, z.B. um einen Motorradfahrer von seinem Bike zu holen. Die Waffenauswahl erstreckt sich von der bloßen Faust über einen Tritt mit dem Springerstiefel bis hin zur Kettensäge und zum Morgenstern. Mit Hilfe dieser Waffen geht es nun darum, den Gegner so lange zu attackieren, bis dieser mit seinem Bike stürzt.
In Echtzeitsequenzen verprügelt Ben verfeindete Biker.

Wirkungsbeurteilung und Spieleanalyse


Suche nach Abenteuer und Heldentum

Vollgas holt Jugendliche bei ihrer Suche nach Abenteuer und Heldentum ab und bietet ihnen ein abwechslungsreiches Szenarium aus modernem Märchen und derber Comic-Kultur. Die Spielfigur des Ben spiegelt das Klischee von Stärke und Unverletzbarkeit. Die Tatsache, dass der Held auch Niederlagen und Rückschläge einstecken muss, lässt ihn sympathisch und menschlich erscheinen. In dem Spiel wird Jugendlichen eine Erlebnisfläche für grenzüberschreitendes Verhalten angeboten, in der Aspekte von Gewalt und aggressivem Durchsetzungsvermögen im Mittelpunkt stehen.

Vollgas bietet vielfältige Prüfungssituationen, in denen sich der Spieler bewähren muss - vergleichbar mit eigenen Lebenssituationen, in denen es gilt, Aufgaben zu erfüllen und sich zu beweisen. Das bedeutet auch, in kämpferischen Auseinandersetzungen Tatkraft zu entwickeln und Überlegenheit zu zeigen.

Erlebnisfläche für Grenzüberschreitendes Verhalten

Vollgas hat einen deutlichen Bezug zum Genre der Biker- und Rockerfilme. Es setzt virtuell fort, was an Handlungsmustern, Lebenseinstellungen und Werthaltungen in diesen Filmen vorgeführt wird.

Identitätsentwicklung in Subgruppe

Die Story von Vollgas knüpft deutlich an Lebensweltwünsche von Jugendlichen an. Diese befinden sich auf der Suche nach ihrem eigenen Lebenskonzept. Sie lehnen vieles ab, was ihnen durch die Schule und von den Eltern vorgeschrieben wird. In dieser Phase der Identitätsentwicklung bilden Motorradgangs eine Subgruppe mit Werten und Normen, die den Vorstellungen von insbesondere männlichen Jugendlichen entgegenkommen. Motorradfahren wird, allein schon durch die medialen Vorbilder, mit einem Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit in Verbindung gebracht. Dies ist ein Reiz für Jugendliche, die sich in ihrer Lebenssituation durch herrschende Regeln und Vorschriften häufig eingeengt fühlen. Insofern bedeutet die Vorstellung, mit einer Motorradgang durch die Gegend zu fahren, auch das Gefühl, unabhängig zu sein, nichts vorgeschrieben zu bekommen und machen zu können, was man will.
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Dieses Spiel wurde getestet von:
Tilman Ernst, Wolfgang Fehr und Jürgen Fritz (Text aus Computerspiele auf dem Prüfstand 61/97)

Bildnachweis

[1]Pressebild LucasArts[2]Pressebild LucasArts[3]Pressebild LucasArts[4]Pressebild LucasArts[5]Pressebild LucasArts

Pädagogische Beurteilung:

Das Spiel wendet sich insbesondere an männliche Jugendliche, die den Wunsch haben, Anerkennung zu erlangen, stark zu sein, zu einer Gruppe zu gehören, sich durchzusetzen und Bewährungssituationen zu bestehen. Darüber hinaus werden Motorradliebhaber angesprochen, die ihr Interesse in einer virtuellen Welt realisieren wollen und dort neue Erfahrungen machen möchten.

Rohe Gewalt als einziges mögliches Verhalten

Viele Spielabschnitte erfordern den Einsatz roher Gewalt als einziges mögliches Verhalten, wenn man Fortschritte im Spielablauf erzielen möchte. Obwohl auf der grafischen Ebene des Spiels die Distanz zur Wirklichkeit offensichtlich ist, besteht aus pädagogischer Sicht ein Diskussionsbedarf um die im Spiel geforderten aggressiven Handlungsmuster. Neben den zu beurteilenden aktionalen Sequenzen, in denen der Spieler z.B. Gegner vom Motorrad prügeln muss, ist es notwendig, auch die filmische Inszenierung pädagogisch zu begutachten.

Diskussionsbedarf um aggressive Handlungsmuster

Problematisch erscheint auch, dass in den aktionalen Teilen von Vollgas nicht die Verletzungen der Opfer von Gewalt gezeigt werden. Es dominiert die aggressive Handlung unter Vernachlässigung der Wirkungen. Man könnte darin eine Verharmlosung von Gewalt sehen und daraus folgern, dass Gefährdungsaspekte bei Jugendlichen nicht auszuschließen sind. Eine solche Argumentation ist auch bei Comics und Zeichentrickfilmen angebracht, in der die Folgen von Gewalthandlungen ausgeblendet werden.

Verharmlosung von Gewalt – jüngere Spieler irritiert

Um diese Darstellungskonventionen und ihre Bezüge zur realen Welt richtig einschätzen zu können, bedarf es bestimmter Kenntnisse und Lebenserfahrungen. Während dies bei älteren jugendlichen angenommen werden kann, könnten bei jüngeren Spielern Irritationen entstehen. Sie könnten die aggressiven Handlungselemente möglicherweise nicht angemessen verarbeiten und einordnen.

Realitätsbezug des Spiels erörtern

Wie kann man mit so einem Spiel pädagogisch umgehen? Es könnte beispielsweise zum Anlass für ein Rollenspiel werden. Anhand dieses Spiels könnten Wünsche und Bedürfnisse der Spieler thematisiert werden, die ein „Machosyndrom“ darstellen. Zugleich wären Möglichkeiten gegeben, den Realitätsbezug des Spiels zu erörtern und das Spiel mit medialen Vorbildern aus Film und Fernsehen zu vergleichen. Typische jugendliche Verhaltensstandards (cool sein, alles im Griff haben, sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, sich nicht klein kriegen lassen und Widerstand entwickeln) könnten auf ihre Ursachen, Berechtigungen und Funktion hinterfragt werden.

Die pädagogischen Beurteilungen der Computerspiele wurden auf der Grundlage von Erfahrungsberichten aus Kölner Kinder- und Jugendeinrichtungen erstellt.
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Dieses Spiel wurde beurteilt von:
Tilman Ernst, Wolfgang Fehr und Jürgen Fritz (Text aus Computerspiele auf dem Prüfstand 61/97)

Siehe auch

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