Spielebeurteilung

Papers, Please

12.05.2015
Ein Spiel in dem man an der Grenze Papiere kontrolliert und Pässe abstempelt? Was könnte es langweiligeres geben, denkt man im ersten Moment. Doch „Papers, Please“ bringt die Spielenden als frisch gebackene Grenzkontrolleure aus Arstotzka ziemlich schnell ins Schwitzen und in den Pausen zum Nachdenken.

„Herzlichen Glückwunsch! In der Arbeitslotterie wurde ihr Name gezogen. Von nun an arbeiten Sie für das Ministerium für Grenzschutz am Grenzübergang Grestin.“ Mit dieser Nachricht beginnt das Indiegame „Papers, Please“, bei dem die Spielenden in die Rolle eines Grenzkontrolleurs des fiktiven Ostblock-Staats Arstotzka versetzt werden. Nach einem mehrjährigen Krieg mit dem Nachbarstaat ist der Andrang in Grestin groß. Die Herausforderung im Spiel ist es aber, Tag für Tag nur diejenigen passieren zu lassen, die über gültige Einreisepapiere verfügen.

Bild: Screenshot aus dem Independent Game Papers, Please
Was „gültige Einreisepapiere“ sind, erfährt man in „Papers, Please“ jeden Tag vom Ministerium neu. Können am ersten Tag, dem 24. November 1982, jede und jeder mit arstotzkanischem Pass einreisen, kommen an den folgenden Spieltagen weitere Auflagen hinzu: Ist der Pass gültig (stimmen also Foto, Geschlecht und Ablaufdatum)? Stimmen die Angaben auf den Zusatzformularen und ist der Impfpass aktuell? Oder besteht gar ein Einreiseverbot für Personen aus diesem speziellen Nachbarstaat? Hat man seine Entscheidung getroffen, zieht man den Pass unter den entsprechenden Stempel und gibt per Klick sein OK – oder eben nicht.

Zu Beginn eines jeden Tages erhält man Anweisungen vom Ministerium. Außerdem können alle Spielfunktionen im spieleigenen Handbuch nachgelesen werden.
Jeder richtig gesetzte Stempel wird auf dem Lohnscheck honoriert, jeder Fehler mit Geldbußen bestraft. Um am Ende des Tages Miete und Essen für sich und seine Familie bezahlen zu können, darf man sich also nicht viele Fehler erlauben. Der Story-Modus von „Papers Please“ umfasst 31 Abschnitte (Tage) mit verschiedenen und immer komplizierteren Anforderungen. Danach bietet ein Endlos-Spielmodus mit verschiedenen Einstellungsmöglichkeiten und zufällig generierten Ereignissen weitere Spielstunden.

Jeder Tag endet mit einer Auflistung der eigenen Finanzen. Hat man genügend Pässe korrekt abgestempelt, hat man auch genug Geld, um Heizung und Essen für sich und seine Familie zu bezahlen.
Die Sprachausgabe besteht nur aus unverständlichem Gebrabbel, Dialoge und Spielinformationen werden jedoch auf Deutsch eingeblendet. Hat man eine Nachfrage, wählt man sie einfach per Klick aus. Die Grafik ist in einfachem 2D gehalten.

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Bildnachweis

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Pädagogische Beurteilung:

„Papers, Please“ ist zwar einfach zu erlernen (überprüfe die Angaben, beachte dabei die Vorgaben) aber schwierig zu meistern. Das Tutorial erklärt leicht verständlich die Benutzeroberfläche und den täglichen Ablauf am Grenzposten. Was danach mit stupidem Abstempeln beginnt, gewinnt schnell an Fahrt. Schon nach wenigen Tagen müssen pro Person ein Dutzend Angaben überprüft und bei Widersprüchen nachgehakt werden. Manchem Redemuffel muss man dabei die Antworten nach Grund und Dauer des Aufenthalts fast wortweise aus der Nase ziehen, während die Uhr im Hintergrund tickt. Und wenn eine Person fälschlicherweise vorgibt ein Mann zu sein? Ab in den Körperscanner und nachgesehen, was erneut einige Minuten kostet. Die Darstellung der nackten (wenn auch pixeligen) Körper kann in den Optionen abgestellt werden. Wenn dann die Sirene um 18 Uhr das Dienstende verkündet, hofft man, dass das Gehalt wieder für die ganze Familie ausreicht. Bei „Papers, Please“ braucht es daher vor allem ein Auge für Details. Wer zudem noch schnell lesen und flink mit der Maus umgehen kann, ist gut gewappnet für die Aufgabe in Arstotzka. Anfänger können auch den „leichten Modus“ aktivieren, um einen kleinen Geldzuschuss pro Tag zu erhalten.

Ob mit Hilfe oder ohne: Nach so einem Tag in der digitalen Grenzkontrolle ist nicht nur der namenlose Avatar gestresst. Die täglich wechselnden Vorgaben verzeihen keine Nachlässigkeit und erfordern höchste Aufmerksamkeit und Konzentration. Viel zu schnell ist ein Zahlendreher oder Ablaufdatum übersehen oder man lässt eine Person passieren, die derjenigen auf dem Passfoto nicht einmal ähnelt - aus Zeitdruck.

Durch Zusatzereignisse abseits des Kontroll-Alltags gewinnt „Papers, Please“ weiter an Abwechslung und bringt die Spielenden zugleich in moralische Zwickmühlen. Nimmt man die Bestechungsgelder an oder schickt man Personen, die der eigene Geheimdienst nicht im Land haben will, trotz korrekter Papiere weg? Und kann man das flehende Mütterchen trotz abgelaufener Dokumente nicht vielleicht doch durchlassen? Fast jeder Tag fordert Entscheidungen neben der Routine und das hinterlässt Spuren wie auch etwas Unsicherheit. War die alte Frau, die man gestern hat passieren lassen, vielleicht doch ein Spion oder hat was mit dem Bombenanschlag zu tun, der in der Tageszeitung stand? Hinzu kommen noch Ereignisse, die man nicht beeinflussen kann. Wie einer der ersten Tage, an denen ein Anschlag auf den Grenzposten einige Pixel-Leichen und einen vorzeitigen Feierabend nach sich zieht.

„Papers, Please“ überzeugt nicht durch seine altbackene Pixel-Grafik oder die kruden Soundeffekte, sondern dadurch, dass es die Spielenden in Situationen bringt, die zum Grübeln anregen. Spielspaß wie bei anderen Simulationen mag man beim Pässe stempeln vermissen – dafür gibt es eine neue Spielerfahrung und Unterhaltung zum Nachdenken. Spielende ab 14 Jahren können mehr und mehr hinter die Fassade des Stempel-Spiels sehen und kommen mit der Darstellung von Pixel-Gewalt und –Nacktheit klar.
Christian Knop
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2 Kommentare

Computerspiele zum Thema Flucht und Asyl | JFF.de/GAMES schreibt:

[…] Spielzeit: ab 15 Minuten – Betriebssystem: Windows, OS, Linux, Android, iOS – Preis: 9,99 USD (PC) bzw. 7,99 USD (App) Links: http://www.papersplea.se/ http://www.spieleratgeber-nrw.de/Papers-Please.4377.de.1.html http://www.spielbar.de/neu/2014/02/papers-please/ […]

23.02.2016 um 10:34
Games & Gesellschaft – Grimme Lab schreibt:

[…] in einem fiktiven Staat den Grenzkontrolleur geben – eine Aufgabe, die die Spielenden „in moralische Zwickmühlen“ bringt, […]

31.08.2016 um 10:51


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