Games & Refugees

03.05.2016
Neben Fernsehen, Zeitungen und Internetportalen beschäftigen sich auch Computerspiele mit der Flüchtlingskrise. Sie ermöglichen einen empathischen Zugang, der Spielende eigene Erfahrungen sammeln lässt – und sie zum kritischen Auseinandersetzen mit der Debatte anregt.

Der Weg führt durch Wüsten, über Zäune hinweg und über das Meer. Lebensmittel sind knapp, Trinkwasser ebenso – eine Reise mit ungewissem Ausgang beginnt. Was wie der Einstieg zu einem x-beliebigen Survival-Game klingt, ist für viele Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten müssen, Realität. Diese Realität wiederum wird nicht nur in Berichten, Artikeln und Büchern verarbeitet – sondern auch in Computerspielen.

Cloud Chasers

Eines dieser Spiele ist das Mobile Game Cloud Chasers vom Schweizer-Entwicklerstudio Blindflug. In der App für iOS und Android spielt man das Schicksal des großen, bärtigen Francisco und seiner kleinen Tochter Amelia nach. In zufällig generierten Spielabläufen durchqueren die beiden die Wüste. Dabei müssen die Spielenden Ressourcen verwalten und Entscheidungen treffen – lässt Francisco Amelia alleine nach Hilfe suchen, während er mit seinem verletzten Knöchel zurückbleibt? Oder quält er sich lieber weiter voran, um seine Tochter nicht aus den Augen zu lassen – und riskiert damit seine Gesundheit? Nicht jeder Versuch, die Wüste zu durchqueren, glückt.



Cloud Chasers besitzt nicht den Anspruch, die momentane Flüchtlingskrise realistisch darzustellen. Das Setting enthält fantastische Elemente: Der Zielort von Francisco und Amelia ist „das Land über den Wolken“ und um Trinkwasser zu sammeln, steigt Amelia in einen Fluggleiter. Dennoch bewegt das Schicksal der beiden, wenn sie die Reise nicht schaffen – und durch falsche Entscheidungen am Ende sterben. Cloud Chasers wird so zu einem zeitlosen Spiel, das in zukünftigen wie auch in der gegenwärtigen Debatte um Flüchtlinge einen Beitrag leistet, indem es zu mehr Empathie aufruft.

HomeBehind

Auch im Indie Game HomeBehind geht es um die beschwerliche Reise in ein sicheres Land. Ausgangssituation ist ein Bürgerkrieg, in dessen Chaos der Protagonist die Familie aus den Augen verliert. Nur mit dem Nötigsten ausgerüstet macht er sich auf den Weg, sie wieder zu finden und mit ihr zusammen Europa zu erreichen. Die Reiserouten werden, wie bei Cloud Chasers, zufällig generiert. Aufgabe ist es erneut, Ressourcen zu verwalten, aber auch gegen wilde Tiere und Kriminelle zu kämpfen. Physische Auseinandersetzungen stehen hier stärker im Vordergrund als moralische Entscheidungen.

Entwickelt wird HomeBehind von einem kleinen Team aus China und befindet sich in der sogenannten Greenlight-Phase. Das heißt, ein Spielkonzept wird mit Screenshots, Vorschauvideos und anderem Material auf der Vertriebsplattform Steam vorgestellt  und muss zunächst genügend Votes sammeln. Erst danach wird es offiziell veröffentlicht.



Zwar nimmt das Spiel mit dem Zielort „Europa“ direkten Bezug zu realen Begebenheiten, die Konfliktparteien des Bürgerkrieges oder der Name des Herkunftslandes bleiben dagegen im Vagen. Zudem besitzen fast alle Figuren eine helle Hautfarbe und wirken ethnisch alles andere als divers. Das Entwicklerteam hat für HomeBehind eine „realistische Storyline“ angekündigt – inwiefern sich inhaltlich aber der Thematik der aktuellen Krise tatsächlich angenähert wird, bleibt abzuwarten.

Mit Spaß an ernste Themen heranführen?

Spiele wie Cloud Chasers oder HomeBehind zeigen, welchen Strapazen Flüchtlinge auf ihren Reise ausgesetzt sind – mal mehr, mal weniger realistisch. Computerspiele bieten hier einen anderen Zugang als Texte oder Fernsehbilder. Die Erfahrungen sind authentisch, da die Spielenden sie in der Rolle der jeweiligen Protagonisten selbst gemacht haben. Zwar scheinen die ästhetisch ansprechenden Bilder eines Cloud Chasers oder das Spaß machende Gameplay eines HomeBehind nicht zu einer ernsten Debatte passen zu wollen. Allerdings wird so das Thema Flüchtlinge einer breiteren Zielgruppe zugänglich. Im besten Fall sensibilisiert die gesammelte Spielerfahrung für die Problematik – und regt an, sich weiterhin damit auseinanderzusetzen.
Sarah Pützer
Dieser Artikel wurde verfasst von:

Siehe auch

Nachrichten zum Spielen – Newsgames

Von der Genderdebatte bis zur Flüchtlingsproblematik – Newsgames vermischen Spielkonzepte mit realen Themen aus den Nachrichten, um sie greifbarer zu machen. Dabei können sie verschiedenste Formen annehmen. Wir stellen mit No Male Heroes und Refugees zwei Stellvertreter des Genres vor!

Von Grenzerfahrung bis Selbstfindungstrip - Aktuelle Serious Games im Blick

Serious Games nähern sich spielerisch auch ernsten Themen an und machen gesellschaftliche Probleme und Emotionen für Spielende erlebbar. Wir haben uns umgeschaut und stellen drei aktuelle Vertreter des Genres vor, die in ihren Ansätzen unterschiedlicher nicht sein könnten.

Schreib einen Kommentar

* Pflichtangaben