Interview mit Stefan Schellenberg

Jugendschutz im Internet V – Was ist JusProg?

12.03.2012
Stefan Schellenberg ist Mitgründer von JusProg e.V. Im Interview mit spielbar.de spricht der 46-Jährige über das neue JusProg-Jugendschutzprogramm, erläutert dessen Kriterien für die Alterseinstufung von Webhinhalten, äußert sich zur Anwendungsfreundlichkeit und zu den Grenzen der Schutzwirkung von JusProg.


spielbar: Herr Schellenberg, welche Kriterien für die Altersgruppenzuweisungen bei JusProg gibt es?

Stefan Schellenberg: Für die von den JusProg-Netagents (Mitarbeiter von JusProg, die das Internet durchsuchen) vorgenommenen händischen Altersklassifizierungen der Websites gibt es einen 80seitigen Kriterien-Katalog, die sogenannten Rating-Regeln. Das Papier ist wegen der darin gezeigten Beispiel-Bilder für Abgrenzungsentscheidungen logischerweise nicht jugendfrei, deshalb kann es an dieser Stelle nicht öffentlich gemacht werden.
Die automatisierten Spider (digitale Suchaufträge) arbeiten mit einer Vielzahl von verknüpften Kriterien. Dazu gehören allein mehrere tausend gewichtete Keywords (Schlüsselwörter) für zahlreiche Themenbereiche in vielen Sprachen. Im Ergebnis orientiert sich das System an den Einschätzungen, die in den verschiedenen Jugendschutz-Organen und Selbstkontrollen sowie im Gesetz für die Altersstufen 6, 12, 16 und 18 in Deutschland üblich sind.

Die „ab 18“-Altersgruppe ist für uns die wichtigste Altersstufe. Denn die meisten Eltern fordern nach unserer Erfahrung von einem Jugendschutzprogramm, dass es vor allem die „harten Fälle“ blockiert. Die Websites unterer Altersstufen sind dann eher Gegenstand von Gesprächen in der Familie, und das ist auch gut so. In der JusProg-Software werden in den Stufen 0 und 6 alle Websites blockiert, die nicht von den Eltern selbst, von der Kindersuchmaschine fragFINN, durch die Website-Kennzeichnung der Anbieter („age-de.xml-Label“) oder durch die 6er Altersstufe von JusProg freigeschaltet sind. Das entspricht dem white-list-Ansatz. Ab dem Alter 12 dreht sich das genau andersrum: Alle Angebote, die nicht explizit durch diese Mechanismen für ein höheres Alter eingestuft wurden, sind frei zugänglich (black-list-Ansatz). Ein deutlich größerer Surfraum, aber damit auch unsicherer.

spielbar: Existieren Probleme im Zusammenhang mit Over-blocking und Under-blocking, vor allem bei fremdsprachigen Seiten?

Stefan Schellenberg: Egal wie gut eine Jugendschutz-Software ist, sie wird immer eine Balance zwischen zu viel und zu wenig blockierten Seiten halten müssen. Das ist in anderen Medien auch nicht anders. Es gibt viele 11jährige, die sich guten Gewissens im Kino auch einen FSK-12-Film anschauen könnten, aber das Ganze muss ja auch in der Praxis umsetzbar sein. Wir haben über die Jahre sehr viel gelernt und optimiert – was aber nicht heißt, dass damit die Entwicklung abgeschlossen ist, das ist eine dauernde Optimierungs-Aufgabe und auch eine Frage der technischen Entwicklung. Und natürlich passieren auch schlicht Fehler. Das Gute ist, dass man diese jederzeit leicht korrigieren und eine Website-Domain in eine andere Altersstufe klassifizieren kann ohne beispielsweise DVD-Cover oder Kinoplakate neu drucken zu müssen.

spielbar: Können Jugendschutzprogramme die jugendgefährdenden Inhalte von den jungen Nutzern überhaupt fernhalten, oder sind die Entwicklungen und das Know-how der heutigen Jugend zu schnell und zu groß?

Stefan Schellenberg: Das Hans Bredow-Institut hat jüngst eine sehr interessante Studien-Analyse zu Jugendschutzprogrammen gemacht. Danach ist die Haupterwartung der Eltern an die Filter, dass sie die Kinder vor allem vor versehentlichem Aufruf problematischer Websites bewahren, also während sie sich neugierig durch das Internet klicken. In diesem Feld sind wir schon ziemlich gut. Wenn sich jedoch ein Kind oder Jugendlicher heimlich hinsetzt und mit Ausdauer gezielt nach bestimmten Inhalten wie Pornobildern sucht, dann wird ihn ein Jugendschutzprogramm in den Altersstufen 0 und 6 noch recht gut, aber in den Altersstufen ab 12 und ab 16 Jahren nicht wirklich davon abhalten können. Denn in letzteren sind alle dem System unbekannten Websites zugänglich und das Internet ist dann einfach zu groß. Aber selbst in diesen Fällen hat das Jugendschutzprogramm eine wichtige Wirkung: Die Jugendlichen sind sich bei der Suche nach unblockierten Seiten bewusst, dass sie Grenzen überschreiten und entsprechend mental deutlich besser eingestellt auf derartige Inhalte.

spielbar: Wie nahe ist das JusProg-Jugendschutzprogramm an der technischen Aktualität des Webs und von Computerspielen verortet - werden besonders Spielekonsolen, Web 2.0 Inhalte, Smartphones und Tablets mit einbezogen?

Stefan Schellenberg: Neue Techniken bringen natürlich auch neue Herausforderungen für Jugendschutzprogramme mit sich – Smartphones, Tablets & Co. gehören ganz sicher dazu. Das wird nicht ganz leicht, denn amerikanische Hersteller wie Apple werden sicherlich erst dann ihre streng gekapselten Betriebssysteme für Jugendschutz-Technik und deutsche Ansprüche öffnen, wenn ausreichend Verbraucher ihnen sonst den Rücken kehren oder wenn sie dazu gezwungen werden. Aber was man tun kann, werden wir versuchen.

spielbar: Können Sie Angaben darüber machen, wie der von der KJM als Auflage für die Anerkennung gestellte Praxistest für das JusProg-Jugendschutzprogramm organisiert sein könnte?

Stefan Schellenberg: Das ist für größere Online- und Softwareprojekte nichts Ungewöhnliches, nur leider recht teuer. Es gibt verschiedene Formen der Usability-Forschung mit Probanden. Welche am besten passt, müssen wir noch überlegen und wollen das natürlich auch mit der KJM abstimmen. Wenn wir damit etwas lernen können für noch bessere Handhabbarkeit der Software, dann ist das sicherlich keine schlechte Idee.

spielbar: Nach der Selbsteinstufung via „age-de.xml-Label“ von Anbieterseite: Wie wird die Kontrolle dieser Selbstklassifizierung organisiert?

Stefan Schellenberg: Der Gesetzgeber hat bewusst und richtigerweise die Verantwortung für die Anbieter-Label in die Hände der Anbieter gelegt. In unserer freiheitlichen Gesellschaft ist die Medienfreiheit ein hohes Gut – und dazu gehört, dass Anbieter im Internet frei publizieren und veröffentlichen können, ohne ihre Inhalte vorher dem Staat oder sonst wem vorlegen zu müssen. Der Gesetzgeber fordert jedoch von einem Anbieter, dass er verantwortungsvoll publiziert. Das bedeutet in der Praxis, dass er seine Inhalte vor Veröffentlichung selbst darauf hin prüft, ob sie anderen schaden könnten, besonders auch Kindern. Wenn dies der Fall ist, dann muss er Schutzmechanismen einsetzen. Das „age-de.xml-Label“ ist dafür eine sehr gute Wahl, denn es schützt die Kinder ohne die Erwachsenen von den Inhalten fern zu halten, und sei es nur zeitweise mit der fürs Web antiquierten Sendezeitbeschränkung. Außerdem ist „age-de.xml“ für normale Websites eine kostenfreie und einfach zu nutzende Technik. Wer als Anbieter seiner gesetzlich festgeschriebenen Verantwortung jedoch nicht gerecht wird und für Kinder problematische Inhalte ohne einfachste Schutzmechanismen publiziert, der bekommt Probleme mit der Aufsicht.

spielbar: Wie stellen Sie sicher, dass Eltern autonom als letzte Entscheidungsinstanz fungieren können, wenn das JusProg-Jugendschutzprogramm verwendet wird? Werden Eltern überhaupt zur technischen Bedienung der Software in der Lage sein?

Stefan Schellenberg: Ganz wichtig ist uns, dass Eltern völlig frei entscheiden können, welche Altersstufe für ihr Kind die richtige ist. Da spielt es keine Rolle, wie alt das Kind tatsächlich ist. Eltern kennen ihre Kinder besser als irgendjemand sonst.
Eltern können persönliche White- und Blacklists führen, die in der Priorität des Blockierens ganz oben stehen – also über Anbieter-Labeln und unseren Filterlisten. Wir haben eine umfangreiche FAQ-Hilfe geschrieben mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen, die auch technisch wenig versierte Eltern in die Lage versetzen, die Software gut zu bedienen.

Wer sich weniger mit JusProg beschäftigt, bekommt auch mit einfacher Installation und der Wahl einer Altersstufe einen guten Schutz für sein Kind. Aber wer individuelle Einstellungen vornehmen möchte, der muss sich eben damit etwas beschäftigen. Das ist ähnlich wie bei einem Internet-Browser wie dem Explorer oder Firefox. Aber wir sollten die Eltern nicht unterschätzen. Wer bei ebay alte Kinderkleidung verkaufen kann mit Foto-Upload und allem Drum und Dran, und das ist die deutliche Mehrheit der Eltern, der schafft auch die Einstellung eines Jugendschutzprogramms.

spielbar: Welche Maßnahmen zur Steigerung der Verbreitung und des Einsatzes des Jugendschutzprogramms sowohl bei Eltern, als auch bei Jugendlichen sind vorgesehen?

Stefan Schellenberg: Es gibt eine ganze Reihe von Marketing-Maßnahmen, die derzeit in Vorbereitung sind. Aber die Erfahrung im Internet zeigt, dass das beste Marketing ein kostenfreies und gutes Produkt ist, mit dem die Eltern tatsächlich etwas anfangen können. Nach unserer Erfahrung wird jede von unserer Seite heruntergeladene JusProg-Software von den Eltern so oft an andere Eltern weitergegeben, dass pro Download rund zehn Software-Installationen aktiv sind, Tendenz steigend. Das ist ein sehr guter Wert, der uns in unserer Arbeit bestätigt.

Weiterführender Link

Praxiswissen Onlinespiele

Weblink

Download des JusProg-Jugendschutzprogramm
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