Interview mit Martin Lorber

Jugendschutz im Internet IV - Europaweit denken

13.03.2012
Martin Lorber kritisiert das deutsche System als zu kompliziert und befürwortet ein "europäisch einheitliches System. Im Interview erläutert der 44-jährige die Rolle eines großen Spieleunternehmens im System des deutschen Jugendmedienschutzes.





spielbar: Herr Lorber, Jugendmedienschutz ist in Deutschland gesetzlich als ein Zusammenspiel von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft geregelt. Warum ist der Jugendmedienschutz aus Ihrer Sicht im Umfeld von Computerspielen wichtig?

Martin Lorber: Wie bei allen Medienangeboten gibt es auch bei Computer- und Videospielen Angebote für unterschiedliche Altersgruppen. Darunter auch solche, mit denen sich beispielsweise Erwachsene unterhalten können, die für Kinder und Jugendliche aber beeinträchtigend oder gar gefährdend sein können. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche nur die Spiele spielen, die für ihr Alter geeignet sind. Der Jugendmedienschutz hat dafür Sorge zu tragen. Ein wichtiger Baustein dabei sind die USK-Altersfreigaben auf den Spielen, die im Handel verkauft werden. Diese geben den Eltern klare und eindeutige Hinweise. Auch im Internet gibt es natürlich Angebote für unterschiedliche Altersgruppen, und auch hier sollen Kinder und Jugendliche sich nur mit den Inhalten beschäftigen, die für ihr Alter angemessen sind.

spielbar: Manche sehen das deutsche Jugendschutzsystem als eines der besten weltweit an, andere Stimmen halten es für übertrieben und zu kompliziert. Was meinen Sie?

Martin Lorber: Das deutsche System des Jugendmedienschutzes gewährleistet einen umfangreichen und sehr guten Schutz. In der Tat handelt es sich um eines der strengsten Systeme weltweit. Das ist auch richtig so. Nach unserer Einschätzung ist das deutsche System aber nicht nur streng, sondern darüber hinaus unangemessen komplex und kompliziert. Schon die Tatsache, dass Medienangebote durch zwei ganz unterschiedliche Gesetzeswerke (Jugendschutzgesetz und Jugendmedienschutz-Staatsvertrag) reguliert werden – je nachdem, auf welche Weise sie vertrieben werden (ob auf Datenträgern oder im Internet) – ist angesichts der zunehmenden Konvergenz der Medien und Distributionskanäle aus unserer Sicht obsolet. Darüber hinaus ist das Verfahren der USK-Altersfreigabe äußerst langwierig und komplex.

Außerdem ist das Mediennutzungs- und Kaufverhalten zunehmend grenzüberschreitend. Dies alles spricht aus unserer Sicht für ein europäisch einheitliches System. Im Bereich der Computerspiele existiert dieses mit dem PEGI-System, das in dreißig Ländern erfolgreich angewendet wird. Der Jugendschutz würde dadurch nicht verwässert, sondern gestärkt und zukunftssicherer.

spielbar: Wie verhält sich aus Ihrer Sicht der Jugendschutz zur Medienkompetenz?

Martin Lorber: Medienkompetenz und Jugendschutz gehen Hand in Hand. Aus meiner Sicht kann der gesetzliche Jugendmedienschutz allenfalls den Rahmen bilden. Darüber hinaus muss der sichere, kompetente und angemessene Umgang mit modernen Medien erlernt werden. Der beste Schutz ist immer noch Aufklärung und Wissen. Schon die Alltagserfahrung lehrt, dass man mit Verboten in der Pädagogik in der Regel nicht sehr weit kommt, daher muss man die Kinder und Jugendlichen zu einem selbstbewussten und angemessenen Umgang mit Medieninhalten anleiten.

spielbar: Warum ist Ihnen als Vertreter von Electronic Arts das Themenfeld Medienkompetenz ein wichtiges Anliegen?

Martin Lorber: Medienkompetenz bezieht sich nicht alleine auf Computer- und Videospiele. Sie ist vielmehr die Fähigkeit, verantwortlich mit allen modernen Kommunikations- und Unterhaltungsmedien umzugehen. Die neuen Medien sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Von daher sollten Kinder schon früh Kontakt mit altersgerechten Inhalten haben, um dann auch früh den Umgang mit ihnen zu lernen. Die kindliche Neugier ist dabei die beste Motivation, sich auch mit den Inhalten zu beschäftigen.

Medienkompetenz ist aber auch eine Fähigkeit, die Erwachsene erlernen müssen. Viele Eltern haben immer noch Berührungsängste mit den Computer- und Videospielen, von denen ihre Kinder so fasziniert sind. Daher ist es sehr wichtig, dass auch Erwachsene sich entsprechend informieren und dieses Wissen an ihre Kinder weitergeben. Wobei es durchaus vorkommt, dass die Kinder mehr Wissen im Umgang mit neuer Technik oder Spielen haben als die Eltern. Die Eltern hingegen verfügen über weitaus mehr Lebenserfahrung und soziale Kompetenz als ihre Kinder. Bei gemeinsamer Mediennutzung können dann beide Seiten voneinander lernen.

spielbar: Was verstehen Sie in Bezug auf die Games von Electronic Arts als medienkompetentes Spielen?

Martin Lorber: In erster Linie ist es wichtig, dass die Spiele altersangemessen genutzt werden und dass eine zeitliche Balance mit anderen Dingen des Lebens gegeben ist.

spielbar: In wie fern betreffen Sie die Regelungen des JMStV konkret – Werbung, Onlineangebot, Downloads und Ähnliches?

Martin Lorber: Alle Inhalte unserer Homepage und unserer Serviceplattform Origin unterliegen den Bestimmungen des JMStV. Das schließt die auf der Homepage angebotenen Trailer mit ein. Electronic Arts hat für die deutsche Homepage und das Origin-Angebot zum Beispiel eine sogenannte Sendezeitbeschränkung angelegt. Inhalte ab 18 Jahren sind nur in der Zeit von 23:00 bis 6:00 Uhr abrufbar. Wir haben unser Onlineangebot für das von der KJM anerkannte Jugendschutzprogramm JusProg gelabelt. Damit ist dann eine differenzierte Einstufung beziehungsweise Freigabe unseres gesamten Onlineangebotes durch Eltern möglich.

spielbar: Was können Anbieter von Onlinespielen über das Labeln ihrer Onlineangebote hinaus noch im Sinne des Jugendschutzes tun?

Martin Lorber: Ganz wichtig ist hier die Bereitstellung zusätzlicher Informationen, die keine reinen Produktinformationen sind. Electronic Arts beispielsweise hat auf seiner Homepage den Elternratgeber veröffentlicht. Dort können Erziehungsberechtigte umfangreiche Informationen zum Jugendschutz nachlesen und über eine Linkliste auch weitergehendes Material erhalten. Darüber hinaus unterstützen wir seit über fünf Jahren das Institut Spielraum der Fachhochschule Köln, das bundesweit Programme zur Förderung von Medienkompetenz anbietet.

spielbar: Vielen Dank für das Interview, Herr Lorber!

 

Weiterführender Link

Praxiswissen Onlinespiele

Weblink

EA Blog für digitale Spielkultur

 
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