Interview mit Verena Weigand - Teil 2

Jugendschutz im Internet II

12.03.2012
Verena Weigand ist Leiterin der Stabsstelle der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). Sprach sie in Teil 1 des Interviews über den Jugendmedienschutz im Internet speziell bei Onlinespielen, widmet sich in Teil 2 den alternativen Jugendschutzprogrammen und deren zukünftige Entwicklung.

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spielbar: Neben Sendezeitregelungen und technischen Altersbeschränkungen gibt es für den Jugendmedienschutz im Internet auch die Alternative der Jugendschutzprogramme. Nach welchen hauptsächlichen Kriterien werden die Jugendschutzprogramme anerkannt und wie funktionieren diese?

Verena Weigand: Die Aufgabe der Anerkennung von Jugendschutzprogrammen liegt bei der KJM. Im Mai 2011 hat die KJM neue Eckwerte für die Anerkennung von Jugendschutzprogrammen veröffentlicht und erst vor einigen Tagen zwei Jugendschutzprogramme anerkannt. Voraussetzung für die Anerkennung von Jugendschutzprogrammen sind unter anderem folgende Kriterien:

  • • konkrete Altersstufen-Definition (bis 12, bis 16, bis 18 Jahre) für den altersdifferenzierten Zugang zu Telemedienangeboten,

  • • hohe Zuverlässigkeit bei besonders beeinträchtigenden Angeboten (mindestens 80% Vorgabe),

  • • einfache Handhabbarkeit für Nutzer

  • • sowie kontinuierliche Anpassung an den jeweiligen Stand der Technik.


Die vollständigen Kriterien sind hier abrufbar.

Damit Jugendschutzprogramme in der Praxis einheitlich funktionieren, hat die KJM einen technischen Standard (den „age.de xml-Label“) für die altersdifferenzierte Kennzeichnung von Inhalten im World Wide Web festgelegt. Anerkannte Jugendschutzprogramme müssen demnach in der Lage sein, vom Webinhalte-Anbieter mit dem Labeling-Standard altersgekennzeichnete Internetseiten korrekt auszulesen und diese Inhalte dann freizugeben oder zu blockieren.

spielbar: Wie schätzen Sie die Leistungsfähigkeit der aktuellen Jugendschutzprogramme ein?

Verena Weigand: Die Wirksamkeit und Handhabbarkeit bestehender Schutzlösungen sind insgesamt noch verbesserungsbedürftig. Vor allem im Bereich der nutzergenerierten Inhalte (Communitys und Videoplattformen) zeigen sie derzeit kaum Wirkung, obwohl Kinder und Jugendliche gerade diese Dienste intensiv nutzen.

Aus Sicht der KJM ist deshalb auch weiter die Zusammenarbeit aller Beteiligten im Rahmen eines Gesamtkonzeptes unter Beteiligung von Internet-Industrie, Politik und Jugendschutzinstitutionen nötig. Voraussetzung ist einerseits ein größeres Engagement kommerzieller Inhalteanbieter, die am meisten von der neuen Schutzoption profitieren. Soll sich die Option entwickeln, bedarf es andererseits auch darüber hinausgehender planmäßiger Förderung und wirksamer Unterstützung. Eine solche gemeinsame Initiative sollte für die strukturelle Entwicklung der Schutzoption zuständig sein. Insbesondere gilt dies für die Werbung für den Einsatz von Jugendschutzprogrammen sowie die Förderung technischer Weiterentwicklungen und Anreize zur Abdeckung aller wichtigen Plattformen (wie PC, Mobiltelefon, Spielekonsole). Nur so erreicht man eine möglichst hohe Verbreitung und Schutzwirkung von Jugendschutzprogrammen.

spielbar: Wie stellen Sie sich die Zukunft der Jugendschutzprogramme vor? Wie viele solcher Programme werden zugelassen werden können und wie wird Eltern der Einsatz dieser Programme vermittelt werden?

Verena Weigand: Das Ziel ist und bleibt es, möglichst viele funktionsfähige und breit genutzte Jugendschutzprogramme anzuerkennen, um einen bestmöglichen Jugendschutz im Internet zu gewährleisten. Doch so einfach ist es leider nicht. Auch wenn die KJM nun zwei Programme vor kurzem bereits anerkannt hat, muss deren Weiterentwicklung mittel- und langfristig eine strukturelle Aufgabe sein. Einzelne Inhalteanbieter oder Softwareentwickler können diese auf Dauer weder leisten noch finanzieren. Das gewinnt besonders vor dem Hintergrund Bedeutung, dass anerkannte Jugendschutzprogramme für den Endnutzer möglichst kostenlos verfügbar sein sollten: Nur so ist mit einer schnellen Verbreitung und einer Bereitschaft zum tatsächlichen Einsatz durch die Erziehungsberechtigten zu rechnen.

spielbar: Wie ist das Verhältnis von Jugendmedienschutz zu präventiven Jugendschutzmaßnahmen? Ab welchem Alter sollte Schutz in medienpädagogische Befähigung zum (Selbst-) Risikomanagement übergehen?

Verena Weigand: Medienkompetenz ist im Zeitalter des Internets wichtiger denn je. Doch sie ist keine Alternative, sondern Ergänzung zum Jugendschutz. Nicht zuletzt, weil die Medienpädagogik auf alle Kinder und Jugendlichen, aber auch auf Erwachsene, vor allem Erziehende, zielt. Der Jugendschutz dagegen hat vor allem ein Auge auf diejenigen Heranwachsenden, die nicht zu Hause beim Medienkonsum begleitet und unterstützt werden. Nötig ist eine intensive Koordination und Kooperation beider Bereiche.

Dabei sind Jugendschutz-Maßnahmen vor allem bei Kindern und jüngeren Jugendlichen wirksam. Je älter Jugendliche werden, desto mehr gehen sie – hoffentlich! – zu einem medienkompetenten (Selbst-) Risikomanagement über.

Weiterführende Links

Jugendschutz im Internet: Zwei neue Selbstkontrollen für Onlinespiele

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