Interview mit Verena Weigand - Teil 1

Jugendschutz im Internet I

26.02.2013
Verena Weigand ist Leiterin der Stabsstelle der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). In zwei Interviews spricht sie über die große Herausforderung des Jugendmedienschutzes im Internet generell und speziell bei Onlinespielen (Teil1) und über alternative Jugendschutzprogramme und deren zukünftige Entwicklung (Teil2).


spielbar: Frau Weigand, was sind nach Ihrer Einschätzung die besonderen jugendschutzrechtlichen Herausforderungen im Online-Zeitalter?

Verena Weigand: Das Internet birgt aufgrund seiner Dynamik, seiner Globalität und seiner Unerschöpflichkeit neben vielen Chancen auch eine Vielzahl von Risiken für Kinder und Jugendliche. Im Netz gibt es beispielsweise gewaltverharmlosende und -verherrlichende, politisch extremistische und pornografische Angebote, die klassische Rundfunk-Inhalte an zweifelhafter „Qualität“ und Quantität um ein Vielfaches übertreffen. Dadurch können Kinder und Jugendliche im Netz mit hochproblematischen Inhalten konfrontiert werden.

spielbar: Die Vertreter des gesetzlichen Jugendmedienschutzes in Deutschland steuern diesen Gefährdungen auf Grundlage des JMStV entgegen – reichen dessen Bestimmungen weit genug für das Internet?

Verena Weigand: Die Bestimmungen des JMStV greifen nur für deutsche Anbieter. Gegen diese kann die KJM Beanstandungen, Untersagungen und Bußgelder beschließen. Bei Seitenbetreibern mit Sitz im Ausland kann die KJM lediglich einen Indizierungsantrag bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) stellen. Indizierte Inhalte werden bei Suchmaschinen nicht mehr angezeigt und in das so genannte „BPjM-Modul“ eingespeist, das ein wesentlicher Bestandteil von bereits auf dem Markt befindlichen Jugendschutzfiltern sowie der kürzlich anerkannten Jugendschutzprogramme ist.

Doch neben dem gesetzlichen Jugendmedienschutz im Internet muss man auch auf andere Ansätze – wie begleitende Kontrolle oder Monitoring – bauen. Solche Methoden bieten sich besonders für Einrichtungen der Freiwilligen Selbstkontrolle an: So hat die KJM jüngst die Anerkennung zweier neuer Selbstkontrollen für den Telemedienbereich, der FSK.online (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) sowie der USK.online (Freiwillige Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle), beschlossen, während die FSM (Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia) bereits seit längerer Zeit anerkannt ist.

spielbar: Welche Inhalte, speziell bei Online-Computerspielen, sind aufgrund ihrer entwicklungsbeeinträchtigenden Wirkung besonders zu beachten?

Verena Weigand: Das Gefährdungspotenzial von Computerspielen hat sich durch die technische Weiterentwicklung, aber auch die neuen Online-Spielformen verändert.
Am Anfang der Gefährdungsdebatte von Computerspielen wurde fast ausschließlich über den Gewaltaspekt einiger Spielgenres wie Actionspiele oder Ego-Shooter diskutiert. Diese Debatte hat und hatte ihre Berechtigung, da gewalthaltige Spielelemente gerade in vielen sehr beliebten Games spielbestimmend sind. Eine jugendschutzrelevante Darstellung und Thematisierung von Sexualität ist dagegen in Bezug auf Computerspiele sicherlich noch ein Randphänomen. Allerdings wird dieses Problem im Zuge der Online-Fähigkeit von Computerspielen und den damit verbundenen zahlreichen Nebenerscheinungen (beispielsweise Kommunikationsmöglichkeiten wie Chats und Onlineforen) im Moment deutlich relevanter.

Eine weitere Folge des Trends zu Online-Spielen ist, dass neben die klassischen inhaltlichen Beurteilungskriterien wie Gewalt, Sexualität oder Menschenwürde weitere, den neuen Erscheinungsformen gerecht werdende Bewertungselemente hinzutreten müssen. Dabei sollte eine Bewertung der virtuellen Welt auf inhaltlicher Ebene die Grundlage darstellen. Doch auch die soziale Dynamik von Mehrspielermodi oder der technische Rahmen eines Spiels müssen bewertet werden. Bei einer Beurteilung ist außerdem zu beachten, ob dynamische Spielinhalte vorliegen, Inhalte also veränderbar sind oder ob es sich weitgehend um ein statisches Spiel handelt, grundlegende Inhalte vom Nutzer also nicht verändert werden können.
Die KJM hat auf diese neuen Gegebenheiten reagiert und ihre „Kriterien für die Aufsicht im Rundfunk und in den Telemedien“ vergangenes Jahr um einen Exkurs zur Beurteilung von Online-Spielen erweitert. Die Kriterien betreffen neben inhaltlichen Aspekten auch formale Voraussetzungen, die exzessivem Spielen entgegenwirken sowie die ökonomischen Rahmenbedingungen und Kommunikationsmöglichkeiten der Onlinespiele abfragen.

Teil 2 des Interviews mit mit Verena Weigand

Weiterführende Links

Jugendschutz im Internet: Zwei neue Selbstkontrollen für Onlinespiele

Jeder 4. Deutsche spielt online

Praxiswissen Onlinespiele
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