Bundestagswahl 2017

“Die Regierung sagt: Das brauchen wir“

22.09.2017
Die Bundeskanzlerin hat dieses Jahr erstmalig die Gamescom eröffnet und sich zuvor den Fragen einer Computerspielforscherin gestellt. Spielbar.de hat daraufhin nachgefragt, was die einzelnen Parteien über Computerspiele denken und was sie in Zukunft ändern möchten.

In einem Video-Podcast spricht Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit der Computerspielforscherin Melanie Fritsch von der Universität Bayreuth über Wirtschaftsförderung, Kulturförderung und Ausbildungsmöglichkeiten für Fachkräfte in Deutschland. Neben dem Ausbau der finanziellen Förderung sieht Angela Merkel die Hauptaufgabe der Politik darin, die kulturelle und gesellschaftliche Anerkennung von Computerspielen zu fördern. Die Kanzlerin verweist auf bereits bestehende Förderprogramme für Start Ups aus der Gaming-Branche, wie den High-Tech-Gründerfond, oder attraktive Kreditkonditionen. Im Vergleich mit anderen Ländern sieht Merkel jedoch Verbesserungsbedarf: „Wir können noch zulegen.“ Doch wie kann das gelingen? Wir haben alle im Bundestag oder in den Landtagen in Fraktionsstärke vertretenen Parteien zu den Themen Kultur, Wirtschaft und Ausbildung befragt und die Antworten hier zusammengefasst:
Im Interview spricht Merkel über Kultur- und Wirtschaftsförderung der Gaming-Branche.

CDU/CSU
Kultur

Für Marco Wanderwitz, Mitglied des Bundestags, sind Games Kulturgut. Allerdings hätten sie „wie alle Erzeugnisse der Kultur- und Kreativwirtschaft einen Doppelcharakter: Sie sind Wirtschaftsprodukt und Kulturgut gleichermaßen.“ Es gebe noch keine Entscheidung darüber, „welche Games grundsätzlich förderfähig“ seien.
Wirtschaft
Um die Produktion zu fördern und im internationalen Wettbewerb anschlussfähig zu bleiben, will die CDU/CSU die Bedingungen deutscher Entwicklerstudios verbessern. Dafür sollen in der Branche Arbeitsplätze geschaffen und gesichert werden. Ein Fachkräftezuzug sei „wegen der rückläufigen Zahl junger Menschen, die neu ins Erwerbsleben eintreten“, notwendig. Er wurde in den vergangenen Jahres bereits ausgebaut und solle in Zukunft durch ein „Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz“ besser geregelt werden: „Mit einer klug gesteuerten und begrenzten Einwanderungspolitik für Fachkräfte unterstützen wir die Schaffung von Arbeitsplätzen in Deutschland und verringern spürbar die Attraktivität von illegaler Einwanderung und Migration.“
Ausbildung
Um die Nachfrage an Fachkräften zu decken, will die CDU/CSU ihre “Anstrengungen in den Bereichen Bildung, Ausbildung und Weiterbildung erheblich verstärken.“ Um das Arbeitskräftepotential optimal auszuschöpfen, wolle man verstärkt Frauen und junge Menschen ohne Abschluss zwischen 25 und 35 Jahren fördern.

SPD
Kultur

Der Sprecher der SPD ist der Ansicht, dass Games prägend für die Gesellschaft seien: „Computerspiele transportieren gesellschaftliche Abbilder und thematisieren eigene kulturelle Inhalte.“ Er fordere deshalb eine „vergleichbare öffentliche Förderung wie in anderen Bereichen, etwa den Filmförderfonds“, auf deutscher und europäischer Ebene. Bestehende Förderungen, wie den DCP, wolle man weiter ausbauen. Dafür müsse zunächst auch konsequenterweise die Zuständigkeit für den Preis wieder zur Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zurückverlagert werden. Derzeit wird der Preis vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) gefördert.
Wirtschaft
„Unternehmen der Games-Branche sind wichtige Arbeitgeber.“ Im internationalen Wettbewerb, der durch Steuervorteile in anderen Ländern verzerrt ist, wolle man deshalb nachziehen und die Entwicklung in Deutschland dauerhaft fördern. Der SPD Sprecher sieht außerdem Handlungsbedarf bei klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU): „Sie sind das Rückgrat der Kultur- und Kreativwirtschaft und wir wollen sie stärken. Durch eine bessere Förderung wollen wir Unternehmensgründungen möglich machen und Gründerinnen und Gründer auch über die unmittelbare Gründungsphase hinaus begleiten.“
Ausbildung
Durch den Wandel, den die Digitalisierung mit sich bringt, müssten Ausbildungsinhalte angepasst werden. Dies gelte aber allgemein, nicht nur für die Gaming-Branche.

GRÜNE
Kultur

Der Sprecher der Grünen sagt über Computerspiele: „Ihr kultureller Wert kann nicht aus der Gattung hergeleitet werden –ebenso wenig, wie dies bei anderen Medien der Fall ist–, sondern erschließt sich nur in der Einzelfallbetrachtung.“ Die wirtschaftliche Bedeutung der Gaming-Branche ergebe sich aus ihrem großen Anteil in der Kreativ-Wirtschaft, die gesellschaftliche Bedeutung aus den hohen Nutzerzahlen.
Wirtschaft
Ein flächendeckender Glasfaserausbau solle die Digitalisierung in den Haushalten allgemein vorantreiben. Selbstständige und kleinere wie mittlere Unternehmen (KMU) möchten die Grünen stärken. Eine neue Gründerzeit, Vereinfachung der bürokratischen Vorgänge, ein zinsloses Darlehen bis 25.000 Euro und ein steuerlicher Forschungsbonus von 15 Prozent für Forschungs- und Entwicklungsaufgaben in KMU sollen Gründer in der Gaming-Branche unterstützen, „denn gute Ideen dürfen nicht an knappen Eigenmitteln scheitern.“ Auch die Grünen sehen einen mangelhaften Wettbewerb in Europa. Damit dieser besser und fairer werde, „braucht es gute und funktionierende Marktregeln, die für alle Unternehmen gleichermaßen gelten, egal ob klein oder groß, ob lokal oder multinational.“ Deshalb solle eine einheitliche europäische Steuerbemessungsgrundlage etabliert werden.
Ausbildung
Die Grünen sehen die Unternehmen und die Universitäten in der Pflicht, Fachkräftemangel durch den Ausbau von Ausbildungsplätzen entgegenzuwirken. Weiterbildung, unter anderem für Ältere, solle besser gefördert, der Hochschulpakt und die Ausstattungen an den Unis verbessert werden. Fachkräftezuwanderung solle flexibler und unkomplizierter gemacht werden, indem Bildungs- und Berufsabschlüsse schneller anerkannt und bürokratischen Hürden abgebaut würden.

DIE LINKE
Kultur

„Für breite Bevölkerungsschichten gehört der Bereich Games heute genauso selbstverständlich wie Film, Musik oder Literatur zur Gestaltung des Alltags dazu.“ Deshalb wolle Die Linke kulturell wertvolle Computerspiele und deren Anwendung im Bildungsbereich fördern. Gleichzeitig sieht der Sprecher der Linken die Förderung des Mediums aber kritisch. „Games-Förderung ist zu einem großen Teil Wirtschaftsförderung“, da Unterhaltungssoftware einen großen Marktanteil in der Kreativbranche habe. Daher setze man auf regionale statt wirtschaftlicher Anreizsysteme.
Wirtschaft
Die Linke wolle „insbesondere solidarisches Wirtschaften stärken.“ Deshalb wolle man Netzwerke, die Frauen Gründungen und Zugänge zur Branche ermöglichen, und die Bildung von Interessensvertretungen unterstützen, um bessere Rahmenbedingungen für Arbeitnehmer schaffen. Das Ziel der Linken: „Gute Arbeit für alle“. Dazu gehöre auch ein fairer Wettbewerb. Daher will Die Linke den Schutz kleiner und mittelgroßer Unternehmen vor der Marktmacht der großen Unternehmen ausbauen. Auch Start Ups von kreativen Köpfen, die für die Gaming-Branche bezeichnend sind, sollen besser gefördert werden. Neben der Stärkung von Gründerfonds könne dies zum Beispiel durch bezahlbare Räumlichkeiten oder Netzwerk-Angebote umgesetzt werden. Im Vergleich würden in Deutschland zwar viele Spiele verkauft, aber wenig entwickelt werden. Attraktive Rahmenbedingungen und wirtschaftliche Förderung seien nicht ausreichend, es müsse auch in die Ausbildung von Fachkräften investiert werden.
Ausbildung
Staatliche und private Studiengänge und erste zertifizierte Ausbildungsberufe wurden in den letzten Jahren ausgebaut. Die Linke begrüßt diese stetige Verbesserung der Ausbildungsmöglichkeiten und wolle sich auch weiterhin für die Ausbildung der Fachkräfte einsetzen. Jedoch würde „der überwiegende Teil der nordamerikanischen oder westeuropäischen Produktionen noch von weißen Männern produziert“, Frauen seien in der Branche stark unterrepräsentiert. In Entwicklungsteams gebe es außerdem „nach wie vor kaum Diversität in Bezug auf Gender, kulturelle Identität oder sexuelle Orientierung“. Daher wolle man verstärkt die Diversifikation in der Entwicklungsbranche fördern, „um Stereotype in den Spielen zu vermeiden“.
Alle Parteien sind sich einig: Die Ausbildungsmöglichkeiten für Entwickler-Fachkräfte sollen ausgebaut werden.

FDP
Kultur

Die FDP sieht Games in der Mitte der Gesellschaft angekommen: „Computer- und Videospiele sind mediales Abbild des digitalen Zeitalters, Kulturgut, Bildungswerkzeug und Innovationstreiber. Neben Spaß und Freizeitbeschäftigung stellen viele dieser Computerspiele auch Wissensvermittlung, Teamfähigkeiten oder den Sportgedanken in den Vordergrund.“ Deswegen gehen sie noch einen Schritt weiter und fordern „die Anerkennung des eSports als Sport in allen relevanten Dimensionen.“
Wirtschaft
Deutschland biete einen großen Absatzmarkt für Games, sei aber wenig relevant als Produktionsstandort – es „verschläft die weitere Entwicklung dieser Medienrevolution.“ Daher wolle die FDP die Industrie durch verbesserte Rahmenbedingungen der und ein Venture-Capital-Gesetz stärken, um Deutschland zu einem „Top-Standort für die Produktion von Computer- und Videospielen zu machen.“
Ausbildung
Der Sprecher der FDP setzt den Fokus nicht auf eine Ausbildung über, sondern mit Computerspielen: „Gaming-Technologie findet heute beispielsweise in Form der ‚Serious Games‘ Eingang in der Aus- und Weiterbildung. Sie motivieren Lernende durch Spieltrieb und entwickeln den Ehrgeiz, Aufgaben erfolgreich zu meistern. Viele Unternehmen schaffen heute Zugang zu Wissen, beispielsweise über IT-Sicherheit oder Compliance, durch spielerische Geschichten.“

FREIE WÄHLER
Kultur

Die Freien Wähler haben die kulturelle Förderung in ihrem diesjährigen Wahlprogramm festgelegt, denn für sie seien Games bereits ein fester Bestandteil unseres Alltags: „Die kreative Leistung, die dahinter steckt, ist damit schon längst Teil unseres heutigen Kulturguts geworden.“ Der Pressesprecher der Partei fordert deswegen stärkeres Engagement, ähnlich wie in der Filmförderung: „Dabei geht es insbesondere darum, Start-Up-Unternehmen und sogenannte Indie-Studios zu unterstützen, die neue Innovationen in die Branche tragen.“
Wirtschaft
Durch eine „zurückhaltende Förderpolitik“ sei Deutschland bei der Fachkräftegewinnung im Nachteil. Im internationalen Vergleich sei die wirtschaftliche Förderung stark unterentwickelt und Deutschland dadurch nicht wirklich wettbewerbsfähig. Unternehmen in anderen Ländern könnten durch stärkere Förderung mit besseren Gehaltskonditionen werben.
Ausbildung
Im Bereich der universitären Ausbildung sehen die Freien Wähler großen Handlungsbedarf, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können. Für eine aktuelle Bestandsaufnahme hätten sich Delegierte dieses Jahr extra in Köln auf die Gamescom über Ausbildungsmöglichkeiten informiert. In vielen Bundesländern gebe es - wenn überhaupt - nur magere Projekte an Unis. Unter anderem fordern die Freien Wähler deswegen, dass das Kooperationsverbot im Bildungsbereich aufgehoben werden soll: „Es wäre dann sehr viel einfacher möglich, in Deutschland die Ausbildung in der Games-Branche flächendeckend und gleichmäßig zu fördern.“

Die AfD hat sich bisher nicht zur Anfrage von spielbar.de geäußert.

Aus den Antworten der Parteien geht hervor, dass sie die Branche ernst nehmen und sich Gedanken gemacht haben, wie die Branche wirtschaftlich gestärkt und kulturell gefördert werden kann. In ihren Programmen berücksichtigen sie die unterschiedlichen Bedürfnisse der Entwickler*innen und Gründer*innen, als auch die der internationalen Wirtschaft. Computerspiele scheinen 2017 nicht nur in der Mitte der Gesellschaft, sondern auch in den Partei- und Wahlprogrammen angekommen zu sein.

Bildnachweis

[1]Screenshot Redaktion spielbar.de[2]Pixabay (https://pixabay.com/de/start-gesch%C3%A4ft-menschen-studenten-849805/ )

Siehe auch

Die gewinner des DCP posieren gemeinsam mit dem Preis für die Kamera.
Deutscher Computerspielpreis

Der DCP – Eine geeignete kulturelle Förderung?

Mit dem Deutschen Computerspielpreis werden seit 2009 herausragende Spiele ausgezeichnet und die Gamingbranche gefördert. Er steht für Innovation, Unterhaltung und Qualität – aber steht er auch für Kultur?

Ein Mann liegt mit Vr Brille und Kopfhörern auf einem Sitzsacke und cheint mit seinen ausgestreckten Armen etwas zu greifen.
PLAY Creative Gaming Festival

PLAY17

Das PLAY feiert bald zehnjähriges Jubiläum! Vom 1. bis zum 5. November warten in Hamburg auf die Teilnehmenden nicht nur zahlreiche Workshops, sondern auch Konferenzen, Konzerte, Ausstellungen, ein Poetry Slam und vieles mehr zum Thema Gaming. Wir stellen das Programm vor.

bpb:game jam 2017: „Die da oben! Das Spiel mit dem Populismus“
bpb:game jam

„Die da oben! Das Spiel mit dem Populismus“

Wie kann man das Thema Populismus in digitalen Spielen vermitteln? Auf dem zweiten bpb:game jam werden 50 kreative Köpfe diskutieren, konzipieren und Prototypen umsetzen – und das nur in drei Tagen. Ein Brückenschlag zwischen der Indie-Spieleszene und politisch Bildenden.