Online GameJam „ResistJam“

Spiele gegen Unterdrückung – kleine Games, große Themen

21.03.2017
Können Katzen Politik? Beim #ResistJam schon: In einem der über 200 eingereichten Spiele muss sich eine Katze mit Kopftuch gegen Alltagsdiskriminierung und Islamophobie behaupten. „The Cat In The Hijab“ ist dem Aufruf des „ResistJam“ gefolgt, Games gegen Autoritarismus zu entwickeln.

Hate Speech in der U-Bahn: Cat In The Hijab


In einer U-Bahn in New York: „Geh zurück in dein eigenes Land. Wir wollen dich hier nicht.“ Eine Katze mit pinkem Kopftuch wird von einem anderen Fahrgast beschimpft. Später wird er sie als Terroristin bezeichnen, schließlich trage sie ja einen „Schal“ auf dem Kopf. Schon die erste Sequenz des Spiels „The Cat In The Hijab“ macht deutlich, worum es geht: Alltagsrassismus, Islamophobie und Toleranz in der amerikanischen Gesellschaft.

"The Cat in the Hijab“ ist ein Point´n´Click-Spiel, das Hate Speech erfahrbar machen will.


Als Spieler kann man nun abwägen: Ignorieren oder diskutieren, erklären oder beleidigen? Der beengte Raum in der U-Bahn, vom Entwickler als „Petrischale der Gesellschaft“ bezeichnet, ist ein glaubwürdiger Ort für Konfrontationen dieser Art. Die Welt vor den Türen der Bahn bleibt zwar unentdeckt, ist aber omnipräsent: Ob in Anspielungen auf eine Nachrichtensendung mit dem an Fake News erinnernden Namen „REAL NEWS“ oder durch Bezug auf das neue Oberhaupt, das alle Unpassenden des Landes verweisen wird, der aktuelle politische Kontext schwingt immer mit.

In nur einer Woche ist das kurze Point´n´Click-Spiel im Rahmen des „ResistJam“ entstanden. Ziel des Entwicklers war es, Hate Speech für die Spieler erfahrbar zu machen – als mögliche Opfer, aber auch als mögliche Beobachter, die in einer Situation eingreifen können. Eigentlich habe er noch weitere Charaktere und Sequenzen geplant, doch aufgrund der kurzen Zeit nur die Katze mit dem pinken Kopftuch umgesetzt.

Wahrheit oder Fake: FakeBook


Die über 200 Spiele eingereichten Spiele des „ResistJam“ finden sehr unterschiedliche Zugänge zum Thema. In „FakeBook“ muss der Spieler abwägen, welche Nachrichten wahr und welche falsch sind. Wie sich der Rest der simulierten FakeBook-Gemeinde positioniert hat, wird ebenfalls angezeigt. Sendet Trump wirklich 4.000 Dollar an alle Bürger über 65 Jahre? Im Spiel glauben nur 28 Prozent der FakeBooker, dass das stimmt. Hat ein Flugzeug beim Start ein Reh getroffen? Hier ist die FakeBook-Gemeinde gespalten: Die eine Hälfte glaubt an die Nachricht, die andere nicht.

FakeBook thematisiert FakeNews in sozialen Netzwerken und appelliert an die eigene Entscheidungsfähigkeit.
Das Besondere am Spiel ist, dass der Spieler Follower verliert, wenn er eine Nachricht falsch zuordnet, dafür aber Follower gewinnt, wenn er sich richtig entscheidet, obwohl die Mehrheit der Meldung glaubt. Damit sendet „FakeBook“ einen Appell an die eigene Urteilsfähigkeit: Entscheidungen sollte man nicht von dem abhängig machen, was die Mehrheit zu wissen glaubt. Das Spiel tut dies aber auf eine humorvolle Art und Weise, da es auf skurrilen Geschichten und Meldungen basiert, die tatsächlich vorgefallen oder als Fake über die Nachrichtenticker gelaufen sind.

Wertekontrolle an der Grenze: Papers, s'il vous plaît


Ernstere Töne schlägt das Spiele „Papers, s'il vous plaît“ an. Ähnlich wie im Serious Game „Papers, please“ arbeitet der Spieler als Grenzbeamter unter Zeitdruck. In „Papers, s'il vous plaît“ kontrolliert er als Angestellter von „Citizenship und Immigration Canada“ jedoch keine Pässe, sondern die kulturellen Werte der Antragsteller – ohne die getesteten Bewerber aus der ganzen Welt jemals zu Gesicht zu bekommen. Sie füllen nur einen Fragebogen aus. Es besteht, wer die kanadischen Werte teilt.

Als Angestellter einer fikitven kanadischen Regierung muss man Einreisewillige anhand ihrer "kulturellen Werte" aussieben.


Diese kanadischen Werte werden im Spiel allerdings von einer Partei definiert, die im Jahr 2019 an die Macht kommt. In den Kommentaren auf der Seite des Spiels macht User „Meractis“ auf den realen Hintergrund des Spiels aufmerksam: Kellie Leitch, Mitglied der konservativen Partei, schlug kürzlich vor, Immigranten und Besucher bezüglich ihrer "kanadischen" Werte zu testen. Im Spiel geht die Menschlichkeit zwischen Dokumenten und Bürokratie verloren, denn Ziel ist es, möglichst schnell und genau zu sein. Die Spieleentwickler wollen mit „Papers, s'il vous plaît“ zur Frage stellen, was kanadische Werte sind und was es heißt, sich in Zukunft einer möglichen Gedankenpolizei zur Wehr setzen zu müssen.


Über den ResistJam

ResistJam 2017: Eine Woche, über 200 Spiele.
Bei einem Game Jam entwerfen Spielentwickler in einem vorgegebenen Zeitraum ein Spiel zu einem bestimmten Thema. Das „ResistJam“ verrät schon im Titel das gewählte Thema: Die Spiele sollten sich in irgendeiner Weise mit dem Thema Widerstand gegen Autoritarismus auseinandersetzen. Anlass für das Motto ist der wachsende Autoritarismus in den USA und auf der Welt. Die Veranstalter sehen den ResistJam als einen möglichen Weg, sich mithilfe der Ausdrucksstärke digitaler Medien zur Wehr zu setzen.


Alle Spiele sind auf der Webseite des ResistJams zu finden. Auf dem YouTube-Channel „gamejamcurator“ kann man außerdem in einige Spiele des ResistJam reinschauen.



Politische Game Jams in Deutschland


Auch die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veranstaltet Game Jams, auf denen digitale Spiele für die politische Bildung entwickelt werden. Rund 50 Spieleentwickler diskutieren dort miteinander und entwickeln eigene Prototypen. Der nächste bpb:game jam findet 28.-30. Juli 2017 in der Akademie der Kulturellen Bildung in Remscheid statt. Alle Informationen zu der Veranstaltungsreihe gibt es im Wiki.
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Dieser Artikel wurde verfasst von:
Cornelia Jonas

Bildnachweis

[1]andyman404, itch.io[2]MestreRothIO, itch.io[3]Praxis Games, itch.io[4]ResistJam