DENKbar – Games zum Nachdenken

20.02.2017
Im vollen Kalender unserer modernen Zeit muss man sich eine ruhige Minute zum Nachdenken geradezu erkämpfen - wenn man es denn überhaupt will. Denn Nachdenken über komplexe Themen ist auch anstrengend. Wie gut, dass man Konsole oder PC einschalten kann, um sich im unterhaltenden Spiel genau diesen Fragen zu stellen.


In unserem schnelllebigen Alltag treiben wir oft von einer Information zur nächsten: Morgens (oder manchmal auch schon mitten in der Nacht) geht der erste Blick aufs Smartphone, in die Social Media Kanäle schauen. Dann geht‘s los zur Schule, Ausbildung oder Arbeit... nachmittags noch zum Sport oder mit Freunden treffen. Hier scheint es kaum Zeit zu geben, innezuhalten und über die kleinen und großen Fragen unserer Zeit zu grübeln.

Aber zum Glück bedarf es nicht immer eines Fachbuchs oder einer akademischen Diskussionsrunde, um in die aktuellen Themen unserer Gegenwart einzutauchen. Denn auch viele Spieleentwickler greifen philosophische oder gesellschaftskritische Fragen auf und schicken die Spielenden auf Antwortsuche.

Welche Fragen können Games schon stellen?


Wie soll das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern aussehen? Was ist der richtige Mittelweg zwischen Sicherheit durch Überwachung und dem Respekt vor der Privatsphäre des Einzelnen? In Orwell stellt man sich diese Fragen in der Rolle eines Sicherheitsspezialisten, der einen Terroranschlag aufklären soll. Als letzte (menschliche) Instanz einer mächtigen künstlichen Intelligenz bestimmt man, wer abgehört wird, welche Informationen an die Sicherheitsbehörden weitergegeben werden und in welche Richtung die Ermittlungen gehen. Dabei liest man sich durch private Chatprotokolle, hackt Emailkonten und beschafft sich Zugriff auf medizinische Akten – alles mit der guten Absicht, den Täter zu finden. Wirkliche Gewissheit hat man dabei allerdings nie. Die Gefahr einen Unschuldigen ins Visier der Behörden zu bringen, ist allgegenwärtig.
Wie würdest du dich entscheiden? Sicherheit um jeden Preis?
Seine wahre Macht entfaltet „Orwell“, wenn es verschiedene Datenquellen miteinander verknüpft. Aus dem Zusammenspiel von medizinischen Akten, Bewegungsdaten und Beziehungskontakten lassen sich oft weitreichende Schlüsse ziehen.

„Krieg. Krieg bleibt immer gleich…“ Mit diesen Worten beginnen die Endzeitspiele der Fallout-Reihe. Direkt zu Spielbeginn wird das düstere Kapitel menschlicher Geschichte geöffnet: Es handelt vom Kampf um Raum und Ressourcen sowie der zerstörerischen Natur des Menschen, die schlussendlich zu einem globalen Atomkrieg führt. In dieser Endzeit-Welt bildeten die Überlebenden eigene Kolonien, Inseln der Gemeinschaft mit eigenen Regeln und Werten. Als Hauptfigur erfährt man durch Dialoge und eigene Entscheidungen, wie Andersartige (zum Beispiel Mutanten) ausgegrenzt werden und sich die Reste einer alten Elite an ihre schwindende Macht klammern. Auf welcher Seite man dabei stehen will, liegt dabei fast immer in der eigenen Hand.
Nach welchen Kriterien entscheidest du, was vertretbar ist?



Eng verbunden mit den Gedanken über Krieg ist die Frage nach der Menschlichkeit. In The Talos Principle erforscht man die menschliche Natur – unerwarteterweise in der Gestalt eines Androiden, also eines menschlich wirkenden Computers. Gelenkt von seinem Erschaffer „Elohim“ (einer körperlosen Stimme), löst man Puzzles und Aufgaben und philosophiert mit einer weiteren Entität namens „Milton“ über das Bewusst- und Menschsein. Schlussendlich steht man vor einer Entscheidung: Bleibt man folgsam und gehorcht seinen Befehlen? Oder setzt man sich darüber hinweg, trotz der Warnung dadurch die ganze Welt zu zerstören?! Ohne zu viel vom Spiel zu verraten: Bei einer der beiden Möglichkeiten, beginnt man nach vielen Spielstunden von vorn mit dem Hinweis, dass man den Unabhängigkeitstest leider nicht bestanden hat.
Kannst du eine menschliche Entscheidung treffen?
Entscheidungen prägen das Spielgeschehen in The Talos Principle. So einfach wie „Rechts oder links?“ ist es allerdings selten.

Dies sind nur wenige Beispiele für die zahlreichen Games, die den Spielenden mehr als Unterhaltung bieten aber im Gegenzug auch mehr von ihnen fordern. Durch ihre emotionale Nähe wie auch durch ihre erzählerische Distanz können digitale Spiele alltägliche Was-wäre-Wenn-Gedanken ebenso gut aufgreifen und diskutieren wie schwierige philosophische Fragen. So kann man auch gewinnen, wenn die Hitpoints auf 0 gesunken sind.
Christian Knop
Dieser Artikel wurde verfasst von:

Bildnachweis

[1]www.unsplash.com[2]Orwell, Screenshot, Osmotic Studios[3]The Talos Principle, Screenshot, Croteam

Siehe auch

Im Bild zu sehen: Der Kulturwissenschaftler Christian Huberts
Christian Huberts (2014):

Freiheitsillusionen: Kontrolle und Überwachung in Computerspielen

Im Alltag sind wir realen Zwängen unterworfen, in Computerspielen hingegen können wir tun und lassen was wir wollen. Doch dieser erste Eindruck trügt, denn alle Spiele haben Regeln, und manche Games überwachen gar jeden unserer Schritte. Ein Fachartikel von Christian Huberts.

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